Zeitschrift OHNE UNS - Zeitschrift zur Totalen Kriegsdienstverweigerung, Ausgabe 1/94 (Februar 1994)...DENN SIE SCHADEN DEM KRIEGUm die Denkmalskultur in der BRD ist es schlecht bestellt. Während allerorts Kriegerdenkmale Pflichtbewußtsein und Opferbereitschaft deutscher Soldaten preisen, schlagen die meisten Versuche fehl, denjenigen öffentliche Gedenkstätten zu errichten, die sich der Gewaltherrschaft und dem Zwang in autoritären Systemen verweigert haben. In der "demokratischen" Bundesrepublik wird den Menschen die Anerkennung verwehrt, die sich gegen das Kaiserreich oder den NS-Staat auflehnten, indem sie desertierten oder sich offen zur Kriegsdienstverweigerung bekannten oder die sich auch heute jedem militärischen Zwang widersetzen. Wie in der letzten Ausgabe angekündigt, folgt nun ein Überblick über Deserteurs-Denkmals-Initiativen in der BRD, die dem staatlich gewollten und gesteuerten Vergessen zuwiderlaufen. Der dritte und letzte Teil dieser Serie mit weiteren Vorstellungen solcher Initiativen wird in der nächsten Ausgabe erscheinen. Wieviele Initiativen zur Errichtung eines Denkmals oder einer Gedenktafel für Deserteure es in Deutschland insgesamt bis heute gibt, ist schwer zu sagen. Erst in den letzten Jahren wurde die Arbeit der verschiedenen Initiativen in einem bundesweiten Zusammenschluß koordiniert. Das Bonner Friedensplenum ging 1989 in der dritten Auflage einer Dokumentationsbroschüre von mehr als 40 Städten aus, in denen es Bestrebungen für ein Deserteursdenkmal gab. Inzwischen sind sicherlich noch einige hinzugekommen. CottbusDas wohl älteste deutsche Deserteursdenkmal stammt aus dem Jahre 1845 und steht in Cottbus. 1813 wurden dort westfälische Deserteure der napoleonischen Armee erschossen. Auf eine private Initiative hin wurden sie regulär bestattet, und über Jahrzehnte hinweg wurde für die Grabpflege gesorgt. Noch 1845 waren die Erinnerung an die standrechtliche Erschießung und die Empörung darüber so lebendig, daß ihnen ein Grabmal errichtet wurde. Zwar war auf diesem Mahnmal von "Liebe zum Vaterland" und von "Ruhmeshallen" die Rede, doch in Anbetracht des damaligen Zeitgeistes wich die gesamte Gestaltung von der sonst üblichen staatlichen Denkmalspropaganda ab. Damit ist es kein Denkmal, das für Desertion ganz allgemein steht, aber immerhin... Bonn - PotsdamZwar nicht das älteste, aber das bekannteste Deserteursdenkmal ist das des türkischen Bildhauers Mehmet Aksoy, welches zuerst in Bonn plaziert werden sollte. Das Bonner Friedensplenum beantragte im Februar 1989 die Aufstellung der knapp 12 Tonnen schweren Arbeit, die den Negativabdruck eines Menschen zeigt. Termin für die Einweihung auf dem Friedensplatz in Bonn sollte der 1. September '89 sein. OB Daniels verweigerte die persönliche Annahme dieses Antrages und kündigte schon im Vorfeld an, er werde "alles tun, um für die Ablehnung eine überzeugende Mehrheit zu gewinnen. Meine Stimme wird es für ein Denkmal in Bonn, das die Fahnenflucht verherrlicht, nicht geben. Ich betrachte bereits ein solches Ansinnen als eine Diskriminierung der Soldaten", schrieb Daniels in einem Brief an des Bonner Friedensplenum, das den Antrag initiiert hatte. Weiter hieß es dort: "Auch diejenigen, die als Soldaten in den Kriegen der Vergangenheit in der Überzeugung gekämpft haben, ihrem Vaterland zu dienen, werden durch ein solches Denkmal verhöhnt. [...] Der einzelne Soldat, der glaubte, in diesem Krieg seine Pflicht tun zu müssen, darf jedoch nicht ins Unrecht gesetzt werden." Die CSU-Landesgruppe nannte ein Deserteursdenkmal "eine Persiflage auf alle Deutschen, die ihren Pflichten getreu nachgekommen sind". Andere sahen darin einen "Angriff gegen den demokratischen Staat" oder sprachen von "Geschmacklosigkeit und geistiger Verirrung" und machten darauf aufmerksam, daß dem Friedensplenum "unter anderem Mitglieder der Grünen und der DKP angehören". Der OB zeigte, daß er auch plebiszitäre Elemente in der Politik durchaus zu würdigen wußte, indem er Unterschriftenlisten des Heimkehrer- und des Reservistenverbandes sowie des Verbandes Deutscher Soldaten entgegennahm. In letzterem war auch der Verband von Ehemaligen der Waffen-SS seit 25 Jahren korporatives Mitglied. Der BürgerInnenantrag wurde Anfang Juni '89 abgelehnt. Bald wetterten Daniels und das reaktionäre Spektrum wieder gegen das Friedensplenum. Die Initiative solle den Ratsbeschluß achten und ihr "undemokratisches Verhalten" unterlassen. Denn das Friedensplenum wollte nach der Ablehnung des Antrages nicht aufgeben und zog vor den Kadi. Schließlich sollte das Mahnmal gegen den Willen der Stadt auf einem Tieflader enthüllt werden. Polizeipräsident Michael Kniesel sah das Denkmal auf dem Tieflader als "Demonstrationshilfsmittel" und genehmigte das Vorhaben. Eine "derartige demonstrative Aktion" falle unter die Demonstrationsfreiheit und setze sich "nicht in Widerspruch zur Mehrheitsentscheidung der Stadt Bonn". Das wiederum veranlaßte die Stadt gegen Kniesel zu klagen. Im Rechtsstreit unterlag die Stadt. Auch die zuvor verbotenen
Infostände im Rahmen der Aktion sowie die Aufführung eines Stückes von
Brecht auf einem öffentlichen Platz wurden von den
Verwaltungsgerichten genehmigt. Da die Stadt Bonn für das gute Stück aber nicht zu haben war, fand sich eine andere Perspektive: Das Denkmal sollte ein Jahr später, am 2. September 1990, in Potsdam aufgestellt werden. Die preußische Garnisonsstadt Potsdam tat sich weit weniger schwer damit als die Bundeshauptstadt. In Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer wurde das Deserteursdenkmal in Potsdam enthüllt. Die Aufstellung des Denkmals wurde für zunächst ein halbes Jahr von der Stadtverordnetenversammlung genehmigt. Allerdings steht der "Deserteur" noch heute am gleichen Ort, und allem Anschein nach wird sich daran auch in der nächsten Zeit nichts ändern. Ulm / Neu UlmEbenfalls zum 1. September '89 war die Enthüllung eines Deserteursdenkmals in Ulm geplant. Die Aufstellung erfolgte anders als in Bonn - widerrechtlich auf dem Gelände des Bundesvermögensamtes. Die öffentliche Empörung ob solch dreisten Verhaltens war groß. Schließlich schaltete sich der Bundesfinanzminister selbst ein und machte sich gegen das Denkmal stark. Zur Zeit steht es auf privatem Gelände in Ludwigsfeld bei Ulm. Ivo Günner (SPD) war '89 einer der Befürworter des Mahnmales.
Inzwischen ist er zum Bürgermeister aufgestiegen. Auf die Anfrage, ob
es denn nun nicht doch offiziell aufgestellt werden könne, versagt
Günner seine Hilfe. Er könne nichts für die Durchsetzung des Denkmales
tun. GöttingenAm Amtshaus des 82er-Platzes in Göttingen wurde am Antikriegstag
1990 die Gedenktafel "Die Kirschen der Freiheit" des Göttinger
Bildhauers Joachim Nitsch angebracht und offiziell enthüllt. Das
Amtshaus war von 1871 bis 1945 Kaserne des 82. Infanterie-Regiments.
Der Platz war somit gut gewählt, um zum Nach- und Umdenken zu bewegen. Die Gruppe "Reservisten verweigern den Kriegsdienst" startete 1987
unter dem Motto "Denk'mal am Volkstrauertag" Gegenaktionen zu den
einhelligen Heldenfeiern. Die Öffentlichkeit wurde mit Büchertischen,
Flugis und Presseartikeln auf das Tabuthema "Deutsche Deserteure"
aufmerksam gemacht. Zudem gab es noch eine Filmreihe in einem
Göttinger Kino und eine Veranstaltung mit Ludwig Baumann, einem der
bekanntesten und aktivsten Deserteure des Zweiten Weltkrieges. Allmählich fand das Thema auch Zugang zu den Parteien in Göttingen. Während einer Podiumsdiskussion im Juni '89, mit Göttinger Ratsmitgliedern und dem Historiker Norbert Haase aus Berlin, wurden die konträren Positionen der einzelnen Parteien deutlich. Bald darauf sprachen sich auch Rita Süßmuth gegen und Hans-Jochen Vogel für die Gedenktafel aus, was der Diskussion zusätzlichen Schub gab. Trotz prinzipieller Übereinstimmung zwischen GAL und SPD scheiterte der SPD-Antrag zur Errichtung der Tafel in einer Ratssitzung im September '89. Die beiden Parteien konnten sich nicht über den Widmungstext einigen. Den Vorschlag der SPD "Den Deserteuren, die sich aus Gewissensgründen dem Kriegsdienst für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verweigert haben und dafür verfolgt, getötet und verleumdet wurden", wollte die GAL wegen der starken Einschränkungen nicht unterstützen. Denn das Denkmal sollte allen Soldaten, die sich jemals dem Kriegsdienst entzogen haben, gewidmet werden. An dieser Meinungsverschiedenheit entwickelte sich in den folgenden Monaten die weitere öffentliche Diskussion. Eine Veranstaltung mit dem Kasseler Historiker Prof. Jörg Kammler noch im September und eine Ausstellung des inzwischen fertiggestellten Steinreliefs zusammen mit ca. 20 Infotafeln zum Thema "Deserteure / GeDENKtafel in Göttingen" im Foyer des Neuen Rathauses im Dezember sollten u.a. dazu beitragen, die Debatte um den Widmungstext zu versachlichen. Im Rahmen der Ausstellung machten die Initiatoren noch einmal deutlich, daß die Relieftafel "Die Kirschen der Freiheit", deren Symbolik sich auf die Zeit des Nationalsozialismus bezieht, exemplarisch für alle Deserteure steht. Im Frühjahr '90 wurde der Versuch eines Kompromisses gemacht, um einen neuerlichen Ratsantrag stellen zu können. Die SPD wollte sich von ihrem Widmungstext nicht trennen, er wurde schließlich übernommen, um das Denkmal überhaupt aufstellen zu können. Die Gruppe "Reservisten verweigern den Kriegsdienst" konnte ihren Standortvorschlag für die Gedenktafel durchsetzen: das sogenannte Amtshaus am 82er-Platz. Entgegen der Widmung des nahegelegenen Kriegerdenkmals für die 'Gefallenen' des 82er Regiments, "Bis zum Tode getreu", sollte mit dem Mahnmal ein Beispiel gegen die falschen Ideale von Heldentum, bedingungslosem Gehorsam und Opferbereitschaft gesetzt werden. Dieses Ziel hat die Initiative durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die sie hervorgerufen hat, wohl auch erreicht. SievershausenAuf dem Gelände des Friedenszentrums in Sievershausen bei Hannover
wurde am 2. September '89 ein "DankMal für gelebte Menschlichkeit"
eingeweiht. Es ist eine Erinnerung an die Menschen, die Verfolgten des
Naziregimes geholfen haben. Ilse Rehwald, als Überlebende des Holocaust, sagte während der Einweihungsfeier: "Ich bin in einer unmenschlichen Zeit Menschen begegnet, die ein DankMal [...] verdient haben und durch ihren Mut und ihre Solidarität Vorbild und Beispiel auch für spätere Generationen sein werden." HannoverAls sich in Hannover eine "Selbstorganisation der Zivildienstleistenden und Totaler Kriegsdienstverweigerer" (SOdZDL / TKDV) gegründet hatte, entstand, bei der Überlegung zu Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit, die Idee, eine Skulptur für den "unbekannten Deserteur" zu entwerfen und auszuarbeiten. Damit sollte zugleich auf die Totalverweigerung von Arne Witt hingewiesen und eine Basis für die Diskussion über die Desertionsproblematik geschaffen werden. Im Rahmen des Sommerfestes '90 der Uni Hannover wurde das Konzept des Denkmals umgesetzt. Auf einer Betonplatte von einem Quadratmeter Grundfläche liegen ein hingeworfener Stahlhelm und ein Paar Kampfstiefel. Zu den Kriegsutensilien führen Abdrücke von diesen Stiefeln, während sich Fußabdrücke in eine andere Richtung entfernen - "weg von den Attributen des Militärs" (Arne). Mit einer öffentlichen Enthüllung auf dem Kröpke, einem bekannten Platz in Hannover, wurde das Deserteursdenkmal den PassantInnen und der Presse von den Erbauern vorgestellt (Mitglieder der SO / TKDV). Anschließend wurde es zu seinem Bestimmungsort gebracht, vor das neue Rathaus, wo es der Stadt überreicht wurde. Mit Ausnahme der Grünen waren allerdings keine städtischen VertreterInnen anwesend, obwohl ausdrücklich auch andere eingeladen waren - wen wundert's? Schließlich wurde das Denkmal gegen die Stimmen der Grünen vom Rat der Stadt abgelehnt. Dennoch steht das Denkmal noch vor dem Rathaus, selbst in einem Kunstband über "Hannovers Kunst im Öffentlichen Raum" ist es - negativ - erwähnt. Kassel SchülerInnen des Friedrichsgymnasiums in Kassel planen, das örtliche
Kriegerdenkmal durch erklärende Tafeln zu ergänzen. Nicht die
Abschaffung ist geplant oder eine tiefgreifende Umgestaltung, denn:
"Natürlich muß es auch eine Gedenkstätte für die Angehörigen von
Gefallenen geben", so ein Schüler. Deshalb soll auch der Widmungstext
des Heldensteines - "Deutschland muß leben und wenn wir sterben
müssen" - nur "kommentiert" werden.
NürnbergDie Initiative für ein Deserteursdenkmal in Nürnberg ging von der DFG-VK aus. In einem Schreiben der Gruppe Anfang '89 heiß es: "Deserteure ... sind Menschen, die eigenverantwortlich handeln. Sie gehen einen Weg in äußerster Not und mit hohem persönlichen Risiko. Sie sollen uns Mahnung und Warnung sein und uns auffordern, dafür einzutreten, daß es nie wieder Krieg gibt." Das ging vor allem der CSU zu weit. Allein DKP und die Grünen sprachen sich für den Plan aus. Sie konnten lediglich die Benennung der Deserteure des Zweiten Weltkrieges als Opfer der Nazi-Herrschaft am Ehrenmal im Nürnberger Luitpoldhain durchsetzen. (rs) Quellen: Cottbus: Den Lebenden zur Mahnung, Arnold Vogt, Hannover 1993, S. 33ff Bonn/Potsdam: Denk-mal für die Unbekannten Deserteure, Dokumentation zum Projekt, Bonn 1989 Kassel: Eine in Kassel erscheinende Zeitung vom 3.12.93 Nürnberg: Infodienst 2/89 |